Unsere Straßenbahn
Unsere Straßenbahn
Kürzlich fuhr ich mit der Linie 8 nach Herne. Am Rathaus stieg ein altes Mütterchen zu. Der Schaffner griff ihm hilfsbereit unter die Arme, und ganz erschöpft sank es auf einen Platz mir gegenüber. Sein Gsicht war voller Runzeln, und unter dem Wolltuch, das es um den Kopf geschlungen hatte, schauten ein paar schlohweiße Haarsträhnen hervor. Jetzt suchte es aus seinem Einkaufsnetz ein Taschentuch und wischte sich die Nase ab. Es trug bestimmt mehr als 80 Jahre auf seinem gekrümmten Rücken. "Kortländer! Brückstraße!" rief der Schaffner die nächste Haltestelle aus. Da sprach mich das Mütterchen an:
"Wenn ich an Kortländer vorbeifahre, muß ich an die Zeit denken, als ich noch ein kleines Mädchen war. Damals gab es noch keine Elektrische, da mußte man einne Pferdeomnibus benutzen. Ich sehe den Wagen noch so vor mir: Es war ein großer Kasten mit vier Rädern darunter. Entlang der Wände standen Bänke, der Platz in der Mitte blieb frei, damit man das Gepäck unterbringen konnte. Vorne auf dem Bock saß der Kutscher und lenkte mit Zügel und Peitsche seinebeiden Gäule. Der Fahrer war gleichzeitig Schaffner. Fahrscheine kannte man früher allerdings nicht, man bezahlte und stieg ein. Ich bin oft gefahren, meine Schwester wohnte nämlich in Herne. Einmal haben wir schrecklich gelacht: Da stieg unterwegs eine Bäuerin zu, die trug ein Ferkel auf dem Arm. Plötzlich sprang ihr das Schweinchen vom Schoß und rannte quietschend durch den Wagen zwischen Kisten und Kästen und unseren Beinen hindurch. Ja, das war eine gemütliche Zeit, da ging alles noch hübsch langsam.
Und dann kam der Tag, an dem zum ersten Male die Elektrische nach Herne sauste. Warten sie mal, das hat sich in dem Jahr ereignet, indem ich mich verheiratete, 1894. Das sind 70 Jahre her. Hm, das waren für die damalige Zeit vornehme Wagen. Die fuhren so schön leicht. Darin wurde man nicht mehr durcheinandergerüttelt wie in dem Pferdeomnibus. Man konnte durch die großen Scheiben bequem nach draußen gucken und war vor Wind und Wetter geschützt. Aber der Fahrer hat mir oft leid getan. Der stand vorn auf der offenen Plattform und musste sich den Gegenwind um die Ohren pfeifen lassen. Wenn es regnete, klatschten ihm die dicken Tropfen ins Gesicht und auf die Brust. Und im Winter erst mal! Sie müssen bedenken, früher waren die Winter viel strenger als heute. Da hätte ich für kein Geld in der Welt Straßenbahnschaffner sein mögen, trotz der Pelzmütze, Pelzjacke, Pelzhandschuh und Pelzstiefel, die die Fahrer überzogen. Gott sei Dank ist das ja heute anders."
Bei dieser Erzählung versammelten sich mehrere Gäste um uns und folgten aufmerksam der alten Frau. Ein Kontrolleur stand mitten unter ihnen und fuhr fort, als das Mütterchen seine Geschichte beendet hatte:
"ja, die erste Straßenbahn fuhr 1894 von Kortländer nach Herne. Zwei Jahre später stellten wir die Linien Kortländer - Wanne und Kortländer - Wattenscheid - Gelsenkirchen in Dienst. Und abermals zwei Jahre darauf klingeten die ersten Wagen auf den Strecken nach Altenbochum - Werne und vom früheren Hauptbahnhof nach Hattingen. Im Laufe der Zeit wurden immer neue Linien eingesetzt.
Wenn wir heute die Länge der Schienen und die Straßen, die die Autobusse befahren, zusammenrechnen, dann kommen wir auf eine Strecke, die so lang ist wie dreimal nach Köln und wieder zurück."
Da machten die Leute erstaunte Gesichter. Ich aber dachte: "Hoffentlich will der Kontrolleur nicht die Fahrscheine sehen!", denn vor lauter Zuhören hatte ich vergessen auszusteigen und war zwei Haltestellen zu weit gefahren.

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