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Unsere Staßenbeleuchtung

Unsere Staßenbeleuchtung

Kürzlich besuchte ich meine Großmutter. Da es einige Tage vor dem Weihnachtsfest war, fand ich sie mit dem Hausputz beschäftigt. Sie wollte alle Ecken gründlich ausräumen und das "alte Gedöns" wegwerfen.

"Was in diesem Koffer liegt, kannst du in die Mülltonne bringen oder in den Ofen stecken!" trug sie mir auf.

"Vielleicht ist noch etwas Brauchbares dabei", antwortete ich und kramte den Koffer aus. Was da alles zum Vorschein kam! Ein Bündel Geldscheine aus der Zeit vor 40 Jahren, Briefe und Postkarten, ein Packen vergilbter Zeitungen…

"Halt!" überlegte ich, "hier mußt du nochmal nachschauen, was früher in Bochum passiert ist." So blätterte ich in den Zeitungen, aus denen ein Modergeruch mir in die Nase stieg . . . "Diese Zeitungen müssen aber alt sein", dachte ich und blickte auf die Vorderseite des Blattes. Ich traute meinen Augen nicht, aber da stand tatsächlich die Jahreszahl 1829.

"Oma!" rief ich vorwurfsvoll, "so etwas willst du wegwerfen? Die Zeitungen sind vor über 135 Jahren gedruckt! Du ahnst ja nicht, wie wertvoll sie sind!"

Jetzt hatte ich natürlich keinen Sinn für den Hausputz und noch weniger Lust zu helfen. Ich setzte mich mit dem kostbaren Stück in eine Ecke und las:

"Wir bitten um Licht auf den Straßen, denn es ist, wenn nicht gerade Mondschein, darauf sehr finster. Karren, Wagen, Treppensteine, Holz usw. sind nicht selten darauf hingestellt, und wehe dann dem Unglücklichen, der nicht siene Fühlhörner vorsichtig ausstreckt . . ."

Da mußte ich so lachen, daß meine Großmutter herbeikam und fragte, was denn da für ein Witz stünde. Ich zeigte ihr die Stelle.

"Ach so", sagte sie, "dieses Blatt habe ich immer verwahrt, weil mein Großvater selig, also dein Ururgroßvater, diesen Artikel hat in die Zeitung setzen lassen. Und meine Mutter war sehr stolz darauf."

"Ja, Oma, gab es damals noch keine Laternen?" erwiderte ich ganz überrascht.

"Ach, Junge, wo denkst du hin!"

Da kam meine Großmutter ins Erzählen vom alten Bochum, und das tat sie gerne.

"Ich selbst weiß das natürlich nicht mehr, aber meine Mutter hat oft davon gesprochen. Du machst dir ja keinen Begriff, wie es damals in Bochum aussah! Die Gassen waren schmal und die Häuser kreuz und quer hingebaut, wie es dem Besitzer gerade gepaßt hatte. Vor den Häusern . . ."

"Stand sicher eine Bank", unterbrach ich sie.

"Ach, nicht doch, da dampften die Misthaufen. Morgens kam der Kuhhirte und blies auf seinem Blechhorn die Tiere zusammen. Das habe ich übrigens noch erlebt. Meine Großmutter erzählte auch oft, daß sie bei Regenwetter nur mit Holzschuhen über die Straße ging, weil das Pflaster schnell überschwemmt war; denn die Rinnen liefen meistens noch mitten über die Straßen. Bei Dunkelheit konnte man sich kaum aus dem Hause wagen. Darum hat sich mein Großvater selig ja in der Zeitung beschwert. Der Bürgermeister Steelmann sorgte dann später tatsächlich für die Beleuchtung. Vor ungefähr 120 Jahren wurden elf Öllaternen angebracht. Die hingen an Ketten über den Gassen und baumelten hin und her wie die Sterne an den Tannengirlanden zur Weihnachtszeit über der Kortumstraße. Du darfst aber nicht glauben, daß die Lampen jeden Abend brannten, bei Mondenschein wurden sie nicht angezündet. Früher lebten die Leute nämlich sparsamer als heute.

Gaslaternen hat das Ruhrgebiet seit gut 100 Jahren; doch damals gab es nur ganz wenige. Als Kinder sangen wir noch häufig ein Lied vom Laternenanzünder. Das habe ich aber vergessen, und du würdest es ohnehin nicht verstehen, denn wir sprachen nur plattdeutsch."

"Nun", entgegnete ich, "einen Laternenanzünder kenne ich auch. Der kommt jeden Abend mit seinem Fahrrad unsere Straße entlanggefahren und zieht mit einem langen eisernen Haken das Licht an."

"So?", fragte meine Großmutter erstaunt, "ich dachte, ihr hättet elektrisches Licht in eurer Straße."

"Ach, Oma", und jetzt freute ich mich, daß ich auch etwas wußte, "das gibt es doch nur in der Innenstadt und auf den Hauptstraßen!"

© Rupprecht - Heimat im Industrieland
Pädagogischer Verlag F. Kamp, Bochum
www.kamp-verlag.de

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