Unser Stadtpark erzählt
Unser Stadtpark erzählt
Gestern abend saß ich im Stadtpark auf einer Bank. Die Sonne hatte ihre Augen zugemacht, auch die Tiere im Stadtpark schliefen schon. Die Spaziergänger aßen bereits zu Hause ihr Abendbrot. Schließlich war ich noch allein im Park. Da fing der Stadtpark auf einmal an zu sprechen und erzählte mir seine Geschichte.
"Vor kurzem habe ich meinen 85. Geburtstag gefeiert. 85 Jahre sind eine lange Zeit, da kann man viel erleben. Vor 90 Jahren war an meiner Stelle noch eine große Wiese, die Bochumer nannten sie "Vöde", das heißt Viehweide. Jeden morgen trieb der Kuhhirte die Kühe und Ziegen der Stadt hierher. Ein Schäferhund half ihm beim Hüten. Den ganzen Tag über bimmelten die Glöckchen der Tiere, das war wie Musik. Aber nach meiner Geburt kam der Kuhhirte nicht mehr, und die Kühe mußten anderswo ihr Futter suchen.
Dafür erschien eines Tages ein Gartenbaudirektor aus Köln, Strauß hieß er, wenn ich mich noch recht erinnere. Der hatte Pläne für einen großen Park gezeichnet, in dem die Bochumer spazierengehen und sich erholen sollten. Dann kamen Gärtner und Arbeiter mit Spaten und Schaufeln. Sie legten Wege an, pflanzten Bäume und Sträucher, setzten Blumen und Knollen und schachteten einen Teich aus für Schwäne und Enten.
Die Arbeiten dauerten mehrere Jahre, meine Jugend ging damit hin. Es war eine schöne Zeit. Ich sah, wie die Bäume wuchsen, wie die Blumen blühten und wie das Schwanenpaar Zwillinge bekam.
Die Gärtner sorgten sich sehr um mich, und die Bochumer hatten viel Freude an mir, besonders die Kinder, die sich auf meinem Rasen tummelten und in meinem Sandkasten Burgen bauten.
Zu meinem 15. Geburtstag schenkten mir die Stadtväter ein großes Stück Land. Das wurde der "Neue Park".
Nun bin ich eine der schönsten Parkanlagen im Ruhrgebiet. Neuerdings habe ich auch einen Tierpark. Darauf darf ich doch stolz sein, nicht wahr? Und die Bochumer sind so anhänglich, jeden Sonntag besuchen sie mich. Ich freue mich so, daß ich in meinem Alter ein so sorgloses Leben führen kann, wenn nur die Kinder kein Papier auf meine Wege werfen wollten!"

© Herrmann Rupprecht - Geschichten aus Bochums Vergangenheit
Stockmann Buchverlag Bochum
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