Die Pest
Die Pest
"Morgen ist in Bochum Schützenfest", sagt Dietrich Teile in Recklinghausen zu seiner Frau. " Da gibt es immer viel Spaß. Ich fahre in der Frühe hin und stelle Pferd und Wagen bei meinem Bruder Jan unter. Übermorgen abend bin ich wieder zurück!"
Beim ersten Hahnenschrei steht Dietrich schon vor seiner Tür, spannt die Braunen an, und mit "Hotte hüh" geht’s los. Es ist eine schöne Fahrt nach Bochum. Die Sonne vertreibt die Morgennebel und läßt den Tau an den Gräsern in allen Regenbogenfarben erglitzern. Hoch über den Feldern jubiliert eine Lerche.
Aber seltsam! In früheren Jahren waren am Schützenfesttage die Wege nach Bochum voller Leute, die mitfeiern wollten. Doch heute ist Dietrich ganz allein unterwegs. "Vielleicht ist es noch zu früh!" denkt er, und je näher er Bochum kommt, um so mehr wundert er sich. "Oder sollte das Fest verschoben sein?" - Dann hätte mir mein Bruder Bescheid geschickt!" Langsam wird es Dietrich unheimlich. Er ist schon ganz nahe bei der Stadt. Alles ist ruhig, keine Menschenseele ringsum, kein Hund bellt, keine Kuh brüllt, kein Vieh in der Vörde! Da stimmt etwas nicht! Auch die Pferde vor dem Wagen benehmen sich so eigenartig: sie blähen die Nüstern, bocken, treten aus. Dietrich muß die Peitsche nehmen. Es scheint niemand in der Stadt zu sein; denn nirgendwo qualmt ein Schornstein. "Ob vielleicht Feinde in der Nähe sind, daß die Bochumer flüchten mußten?"
Nun hat Dietrich das Becktor erreicht. Es steht weit offen. Der Wagen rumpelt über die Zugbrücke. Kein Wächter im Torhaus! Die Straßen sind verödet, Türen und Fenster stehen offen, man kann in alle Stuben sehen. Teller und Tassen warten auf den Tischen, Töpfe auf den Herden. Laut rattert der Wagen über das holprige Pflaster, und dumpf hallt der Hufschlag wieder. Eine schwarze Katze läuft Dietrich über den Weg. Das bedeutet Unglück. Kurz vor dem Markt erblickt er ein Gefährt: ein Wagen kommt ihm entgegen, vollbeladen mit Toten. Da packt ihn lähmendes Entsetzen.
"Halt! Halt!" ruft ihm jemand zu, "kehre schnell wieder um! Der schleichende Tod lauert in der Stadt!"
Die Pest! fährt es Dietrich durch den Sinn. Ein kalter Schauer jagt über seinen Rücken, die Haare stehen ihm zu Berge. Die Pest! Er wendet, schlägt wie von Sinnen auf seine Pferde ein, und in gestrecktem Galopp rasselt der Wagen zurück durch die toten Gassen und über die Zugbrücke hinaus aus der Unglücksstadt. -
Die Pest hat damals im Sommer 1544 in Bochum reiche Ernte gehalten. Sie wütete so schrecklich, daß fast alle Einwohner daran gestorben sind. Die letzten aus der Stadt flohen in die Wälder. In der Geschichte Bochums kann man lesen: "To To Bokum was die Sommers so ein gruweliche Pestilenz, dat die Lüde uet in die Walde vlohen und markeden uff die Velde Hütten und Wonunge . . ."
Nur zögernd kamen nach Monaten die Überlebenden in die Stadt zurück. Sie beerdigten die Toten. Nach und nach nahm das Leben wieder seinen Lauf, die wenigen Bauern bestellten die Felder, und die Handwerker arbeiteten in den Werkstätten. Noch einmal erschien nach Jahren die Pest in Bochum, aber sie hat nur wenige Opfer gefordert. Doch die Zeiten blieben unruhig, und bald erlebten die Bochumer einen langen Krieg mit all seinen Schrecken.

© Herrmann Rupprecht - Geschichten aus Bochums Vergangenheit
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