Burg Blankenstein
Burg Blankenstein
Eines schönen Märztages vor ungefähr 300 Jahren macht sich der Stiepeler Gerichtsdiener Konrad Lindemann mit einigen anderen Dorfbewohnern auf den Weg nach Haneggen (Hattingen), um den dortigen Gregorius-Markt zu besuchen. Guter Dinge geht er zwischen den Ständen und Buden hindurch, nicht im geringsten ahnend, in welcher Gefahr er schwebt.
Georg von Hatzfeld nämlich, der Amtmann auf Burg Blankenstein, hat seine Schützen ausgesandt mit dem Befehl, Konrad Lindemann einzufangen, sobald sie ihn außerhalb Stiepel anträfen. In Stiepel selbst herrscht der Freiherr von der Reck auf Kemnade; hier hat der Blankensteiner Amtmann nichts zu sagen.
Und ehe sich Lindemann versieht, wird er gefangen, nach Blankenstein geschleppt und mit 30pfündigen Eisenfesseln in einer Ecke des finsteren Turmes angekettet. Nun sitzt der Ärmste in dem dunklen Gewölbe, und die Sorge um seine Frau und seine kleinen Kinder läßt ihm keine Ruhe.
"Ich muß hier heraus, mag es gehen wie es will", brütet er vor sich hin, "aber wie? Dieser Turm bildet den wichtigsten und stärksten Teil der Burg. Graf Adolf I. von der Mark ließ ihn 1226 aus den Steinen der Isenburg errichten. Das unterste Stockwerk dieses Berfriedes braucht man als Verließ für Gefangene oder auch als Schatzkammer. Es ist mit einer schweren Tür verschlossen, und die Mauern sind 3 m dick. Allerdings hat die Decke ein Loch, durch das ich in das nächste Stockwerk gelangen könnte. Das dient den Burgbewohnern als letzter und sicherster Zufluchtsort, wenn die Burg einmal von Feinden erstürmt werden sollte. Im obersten Geschoß wohnt in solchen Notzeiten der Burgherr mit seiner Familie. Hoch oben auf dem Bergfried hält der Wächter Ausschau nach allen Seiten und ruft "Feindio! Ten wapen, herre, ten wapen!", falls er Feinde sieht.
Aber jetzt sind keine Feinde zu erwarten", denkt Konrad Lindemann und rasselt mit der Eisenkette. "Wenn es mir gelänge, mich von meinen Fesseln zu befreien, müßte ich versuchen, die schwere Tür zu öffnen. Die Soldaten werden sie sicherlich nicht sorgfältig verschlossen haben, denn sie glauben, aus dem Verließ könne niemand entkommen."
Konrad Lindemann unterbricht seinen Fluchtplan. "Und einen Hunger habe ich! Die werden mich doch nicht etwa vergessen und mich lebendig verschmachten lassen? Schon deswegen muß ich hier heraus. Aus dem Turm kommt man in den Hof der Hauptburg. Da sehe ich and er einen Seite den Marstall, in dem die Pferde untergebracht sind, und das Herrenhaus, an der anderen Seite die Ziegelmauer. Über die Mauer zu klettern, hat keinen Zweck, da könnte ich abstürzen und mir unten auf den Felsen das Genick brechen. So bleibt mir also nur der Weg durch das Tor. Das wiederum ist mit zwei Türmen befestigt und außerdem noch durch die Zugbrücke geschützt. Denn der Zugang zur Burg wird durch einen tiefen Graben, die Gräfte, verwehrt. Diesen Graben kann ich nur überwinden, wenn die Zugbrücke heruntergelassen ist. Das höre ich ja an dem Rasseln und Klirren der Brückenketten . . . Vielleicht wäre ein Weg durch die Burgkapelle möglich. Aber nein, das ist auch zu gefährlich."
Konrad Lindemann wirft diesen Gedanken wieder fort.
"Ich muss unbedingt über die Zugbrücke in die Vorburg gelangen. Hier stehen die Häuser der Burgmannen, hier wohnen auch die Knechte und Mägde. Zwar ist die Vorburg mit Wall und Graben und Mauer umgeben, aber diese Befestigungen schaffe ich schon, wenn es mir mit Gottes Hilfe geglückt ist, aus der Hauptburg herauszukommen . . .
Ja, so muß es gehen! Hoffentlich bringt man mir bald etwas zu essen, sonst bin ich am Ende zu schwach, mich aus den Fesseln loszureißen."
Der Plan gefällt Konrad Lindemann. Er jagt eine vorwitzige Ratte weg und schickt ein Stoßgebet zum Himmel.
Am fünften Tage darauf machte der Soldat, der dem Gefangenen die kärgliche Suppe in den Turm bringen wollte, ein verdutztes Gesicht. Er traute seinen Augen nicht, doch Konrad Lindemann hatte sich aus den 30pfündigen Fesseln an seinen Beinen losgerissen, die schwere Tür aufgebrochen und war entkommen.

© Herrmann Rupprecht - Geschichten aus Bochums Vergangenheit
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