Bochums Wiederaufbau
Bochums Wiederaufbau
Gegen Ende des Jahres 1945 kehrt der Obergefreite Schulte aus der Kriegsgefangenschaft nach Hause zurück. Der Zug hält, und der Schaffner ruft: "Bochum! Bochum Hauptbahnhof!" Da steigt der Soldat aus. Aber den Bahnhof kennt er nicht mehr wieder. Vom Bahnsteig aus blickt er weit über die Stadt. Die Straßen sind schmal geworden, denn an ihren Rändern türmen sich die Schutthaufen eingestürzter Gebäude. Hier ragen ein paar Häuserwände in den herbstlichen Himmel, da steht in einem Bombentrichter schmutziges Wasser, drüben fehlen die Ziegel auf dem Dach, und dort sind die Fenster mit Brettern zugenagelt. Bald muß er über ein Trümmerfeld klettern, bald ein anderes umgehen. Er findet nicht mehr Weg und Straße, wo er 25 Jahre lang gewohnt hat.
Aber überall sieht er die Leute bei der Arbeit. Männer und Frauen, sogar Kinder räumen auf. In die größeren Straßenzüge hat man Feldbahngleise gelegt. Kleine Dampflokomotiven mit 20, 30 Loren im Schlepp verkehren von der Stadtmitte zu den Außenbezirken und befördern den Schutt in die Randgebiete. Was den Wiederaufbau nicht mehr lohnt, wird gleich mit abgerissen. Das ist ein Schaufeln und Schippen, ein Hämmern und Abbrechen, ein Auf- und Abladen!
Zwischen den Ruinen bemerkt unser Heimkehrer Leute, die Ziegelsteine aus den Trümmern heraussuchen und den Mörtel abklopfen, Schutt mit schweren Hämmern zerkleinern und Sand heraussieben, brauchbare Balken und Bretter zusammentragen und Eisen sammeln. Die ganze Stadt gleicht einer einzigen Baustelle, denn nur der vierte Teil aller Häuser ist noch bewohnbar.
Am schwersten wird in den Betrieben geschafft. Die Zechenanlagen müssen instandgesetzt werden. Der Winter steht ja vor der Tür! Die Menschen brauchen Kohlen zum Heizen; viele hausen noch in feuchten Kellern. Auch der Bochumer Verein wartet auf Koks für die Hochöfen und Walzenstraßen. Die Kalkwerke in Wülfrath und Geseke benötigen ebenfalls Brennstoff. Wie sollten sonst ohne Zement die Häuser wieder erstehen?
Derweilen sitzen Baumeister und Architekten an ihren Zeichnungen und legen den Wiederaufbau der Stadt fest. Nach ihren Plänen wurden dann die engen Straßen der Innenstadt verbreitert und begradigt. Geschäftshäuser und Verwaltungsgebäude entstanden, das Stadtbad, das Schauspielhaus, der neue Hauptbahnhof. So bekam Bochum allmählich das Gesicht einer modernen Großstadt und wurde zum "Schaufenster des Reviers". Und überall errichtete man neue Wohnhäuser für die vielen Familien, die den Krieg erlebt hatten, und für diejenigen, die aus allen Teilen unseres Vaterlandes nach Bochum zurückkehrten und auch für jene, die ihre Heimat im Osten Deutschlands hatten verlassen müssen.
Schon drei Jahre nach dem schrecklichen Kriege förderten in Bochum wieder 70 Schachtanlagen die "schwarzen Diamanten". Fast jeder dritte berufstätige Mann arbeitete im Bergbau und jeder fünfte in der Eisen- und Stahlindustrie.

© Herrmann Rupprecht - Geschichten aus Bochums Vergangenheit
Stockmann Buchverlag Bochum
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