Bochum wird befestigt
Bochum wird befestigt
Der Ausrufer kommt in die Bleichstraße und schellt mit seiner Glocke. Überall öffnen sich Fenster und Türen, Frauen schauen heraus und horchen, Kinder drängen sich neugierig um den Mann. Jetzt schellt er wieder und ruft: "Heute nachmittag erscheinen alle Ratsherren un 5 Uhr im Rathaus zu iener wichtigen Besprechung!" Zweimal verkündet er die Mitteilung, damit alle Leute sie verstehen. Dann geht er zur nächsten Gasse, die Kinder hinterdrein.
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Der Rat ist versammelt. An einem langen Tisch sitzen die acht Ratsmänner und die beiden Bürgermeister. Diderik de Schulte, der erste Bürgermeister steht auf. Alle hören gespannt zu, was er ihnen zu sagen hat.
"Ratsmänner! Ihr wißt, unsere Stadt und ihre Umgebung gehören dem Erzbischof von Köln. Der hat das Land dem Grafen von der Mark gegeben. Dafür muß der Graf dem Erzbischof Steuern bezahlen. Nun aber will der Graf nur noch dem Kaiser den Zins geben. Deshalb ist zwischen dem Grafen und dem Erzbischof ein Krieg ausgebrochen. Beide Gegner haben sich zu ihrem Schutze Burgen gebaut. Zuerst wurde die Isenburg bei Hattingen an der Ruhr errichtet. Bald entstand die Wasserburg mitten in unserer Stadt. Ich erinnere Euch an das viele Geld, das wir dafür aufbringen mußten, und an die Arbeit, die wir dabei zu leisten hatten. Dadurch ist nun unsere Stadt in Gefahr geraten, von Soldaten besetzt, geplündert und verwüstet zu werden. Davor müssen wir uns schützen!"
Bis hierher hatten die Ratsmänner aufmerksam zugehört. Nun aber erhebt sich ein Tumult, alle reden durcheinander vor Empörung und Sorge. Diderik de Schulte nimmt die Glocke und läutet um Ruhe. Dann fährt er fort:
"Ich schlage vor, wir umgeben die Stadt mit einem hohen Wall und einem Wassergraben."
"Aber woher sollen wir das Geld dafür nehmen, die Kasse ist leer!" ruft einer der Ratsmänner dazwischen.
"Wir führen die Arbeiten selbst aus! Jeder Bochumer Bürger muß mithelfen!"
"Wie denn?"
"Wir teilen die Bürgerschaft in mehrere Gruppen: die ersten brechen im Steinbruch die Steine; die nächsten fahren mit ihren Wagen die Steine zum Wall; andere schachten den Graben aus, die Erde können wir am Wall verarbeiten; wieder andere schlagen Holz im Wald für die Tore und schaffen es an die Baustelle; alle übrigen bauen den Wall auf."
"Natürlich kann nur im Winter gearbeitet werden, denn im Sommer ist jeder Bauer selbst vollauf beschäftigt", ergänzt der zweite Bürgermeister.
"Und was bekommen wir für die Arbeit?" fragt einer.
"Nichts! Die Stadt hat kein Geld. Entweder packt jeder freiwillig mit an, dann ist Bochum sicher vor Feinden. Oder ihr verlangt Lohn, dann wird nichts aus dem Wall, und ihr müßt zusehen, wie euch das Dach über dem Kopf angezündet wird. Dann aber habt ihr nichts mehr."
Das verstanden alle, und so beschlossen die Ratsmänner, im nächsten Herbst mit dem Bau von Wall und Graben zu beginnen.
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© Herrmann Rupprecht - Geschichten aus Bochums Vergangenheit
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